Viel Wind um nichts, eigentlich.

Müssen wir über Politkerfotos reden? Oder vielleicht eher über die, die gar nicht erst gemacht werden? 
Ein Seitenruf.

Die erste Arbeitswoche des neuen Jahres ging direkt gut los: Zumindest auf Twitter herrschte – man hätte es über die Feiertage fast vergessen – mal wieder hellste Aufregung. Der Anlass: Verhältnismäßig unspektakuläre Bilder zweier Herren im vermeintlich besten Alter im Süden Deutschlands.

Der Himmel bewölkt, augenscheinlich frischer Wind oder wie man beim neokonservativen Kampagnenblog The Republic schreibt dunkle Wolken und Sturm, dazu ein Steg, der ins Wasser führt und drum herum, na ja, das entsprechende Braun-grün-grau-Gemisch, das die hiesige Flora und Fauna drei Tage nach Neujahr halt so zu bieten hat.

 

Die Resonanz war dennoch bemerkenswert im besten Wortsinn. Ironisches Drüberstehen mischte sich mit so etwas wie Stilkritik über vermeintlich maliziöse Bildredakteure, die an entsprechenden Postings und der Bildauswahl beteiligt wären, auch der SPIEGEL berichtete. Bei allem Verständnis für selbstreferenzielle Mediendynamik stellt sich aus meiner Sicht vor allem eine Frage:

How can that still be a ThingWo kommt die Aufregung her, wenn sich zwei Parteivorsitzende in leichten Dosen der Stilmittel bedienen, die seit mehreren Jahren stilprägend dafür sind, wie moderne Politik sich inszeniert, sich inszenieren lässt und demzufolge auch rezipiert und wahrgenommen wird. 

Diese Punkte sind nicht ganz irrelevant, als dass vor allem die Inszenierung immer so ein bisschen „Ihhhh“ zu sein scheint. Da ist es in der hiesigen Beobachter-Sphäre natürlich vollkommen unproblematisch, auch im 4. oder 5. Social-Media Jahr kaum über eine dreistellige Followeranzahl hinausgewachsen zu sein, solange dabei schön treu-doof unbeholfene Selfies oder andere Nichtigkeiten hochgeladen werden – Aber wehe, da wird sich professionell privat gezeigt, ins Gras gelegt oder eben symbolträchtig kommuniziert. Dann ist aber was los! 

Söder, immer wieder Söder

Die Frage ist doch: Was erwarten wir denn von Spitzenpolitikern, wenn nicht, dass sie ihr politisches Handwerk so gut verstehen, dass sie sich all jener Kanäle so bedienen, dass es auch nach etwas aussieht?*

Ich sehe in den Bildern von Montag also weder etwas besonders Progressives, Maliziöses oder sonst was, sondern – und das ist dann auch der springende Punkt – einen Vorgang, der eigentlich normal sein sollte: Die kanalgerechte Inszenierung zweier Schwesterparteien am Ausgang einer wahrlich bewegten Phase. 

All dies wirft natürlich eine weitere Frage auf: Warum ist es immer wieder nur Markus Söder, der vereinzelt davon Gebrauch macht, warum ziehen so wenige nach? Wo sind all die anderen Politikerinnen und Politiker, die zumindest theoretisch über dieselben Werkzeuge verfügen? Man könnte also zu dem Schluss kommen, dass die Aufregung über Söders Bildsprache weniger über die Bildsprache als solche zu erklären ist, sondern viel mehr über das Unvermögen der Peer-Group, ohne welche der Kontrast bei Leibe nicht so stark wäre. 

Ich für meinen Teil bin gespannt, über welches Bild, über welchen Post, über welches laue Social Media Lüftchen wir an dieser Stelle vielleicht schon in der kommenden Woche sprechen. Ich freue mich auf jeden Fall auf ein hoffentlich gesundes politisches Jahr.

In diesem Sinne, beste Grüße aus Hamburg

Bendix Hügelmann

*) Eine weiterführende Frage ist, wie Politik mittelfristig relevant bleiben möchte, wenn sie verlernt so zu kommunizieren, wie Bürgerinnen und Bürger dies aus anderen Lebensbereichen gelernt haben. 

Hinweis zum Titelbild: Die Beaufortskala bemisst die Windstärke von 0 bis 12 Windstärken. Typischer Weise spricht man von Sturm ab einer Windstärke von 9 Beaufort. Das sind zwischen 41 und 48 Knoten bzw. 76-89 km/h. Im Bild zu erahnen ist die Ostsee bei Stärke 8. So viel also zum Thema Sturm in Bayern. Ich weiß, keiner mag Klugscheisser, aber als Segler triggert das einfach. Sorry! ✌️

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